Der Schottische Deerhound
Helma Quaritsch-Fricke, April 2000



Der Deerhound ist kein Hund für die "Liebe auf den ersten Blick". Dazu wirkt der große graue, zottelig-struppige Schotte meist nicht attraktiv genug. Und auch mit Attributen wie "der größte" (Irish Wolfhound) oder "der schnellste" (Greyhound) Hund der Welt kann er sich nicht schmücken und dadurch interessanter machen. Wir Deerhound-Liebhaber sind allerdings froh, dass unsere Rasse niemals "in Mode" gekommen ist, weil sie so ihre Ursprünglichkeit leichter hat bewahren können.
Die Vorfahren der Deerhounds sind - wie die meisten westlichen Windhundrassen - von den Kelten auf ihren jahrhundertelangen Wanderungen irgendwo aus den Steppenweiten Südrußlands bis in den äußersten Westen nach Irland und Schottland mitgebracht worden. Dort mögen sie sich mit vorhandenen Hundepopulationen vermischt und für weitere Jahrhunderte dem Klima, der jeweiligen Geländestruktur, der von ihnen erwarteten Arbeit und den allgemeinen Lebensbedingungen in ihrem sozialen Umfeld angepaßt haben. Das heißt also: für das kalte und feuchte Wetter in Schottland mußte das Haarkleid länger und warmhaltend, zugleich im Deckhaar anliegend und wasserabweisend sein. Zur Bewältigung des schroffen und steinigen Mittel- bis Hochgebirges bzw. der rauhen Hoch- (Moor) Ebenen bedurfte es eines stabilen , aber dennoch nicht zu schweren Knochengerüstes, eines muskulösen, aber sehnig-trockenen Körpers sowie äußerst kräftiger und widerstandsfähiger Pfoten. Für die Arbeit, die kalte (Hetz-) Jagd auf den damals weitverbreiteten schottischen Rothirsch waren eine erhebliche Größe, eine gute Geschwindigkeit,
Leichtfüßigkeit und unermüdliche Ausdauer unerläßlich. Schließlich erwartete man von den Deerhounds, bei aller Passion für ihre Jagdaufgabe, im täglichen Zusammenleben Ruhe und Umgänglichkeit mit allen anderen Haustieren und vor allem mit Menschen jeglichen Alters; denn sie gehörten - wie Land und Leute - zu den Clanführern, die in ständigem Kontakt mit allen Clanmitgliedern standen und als Begleiter keine aggressiven, bissigen oder ängstlich-lauten Hunde brauchen konnten.
 


Die nach diesem Kriterien selektierten Deerhounds konnten, wenngleich in geringer Zahl, auch die Zerschlagung der Clanstrukturen (1749) und den übergang von der "kalten" Hetzjagd zur "modernen" Jagd mit Gewehren, die den Einsatz von Windhunden unnötig machte, überstehen und seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von neuen Liebhabern dieser alten edlen Rasse konsequent weitergezüchtet werden. Der 1886 gegründete britische Deerhound-Club stellte nach diesen noch arbeitstauglichen überkommenen Deerhounds 1892 den ersten Rassestandard auf, der mit minimalen Ergänzungen und in einer inhaltlich unveränderten Neufassung seit 1987 weiterhin gültig ist.
Gönnt man unter diesen Aspekten dem Deerhound einen zweiten Blick, so wird man unter dem funktionalen, pflegeleichten Haarkleid von 7 - 10 cm Länge und in allen Schattierungen von hell- bis schwarzgrau - die Farben sand und rot sind seit den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts aus der genetischen Palette verschwunden - den wunderbar modellierten Körper eines Leistungssportlers erkennen. Langlinig und hochbeinig gebaut, windhundgemäß schmal, aber robust und mit kräftiger, trockener Bemuskelung, für Ausdauer und Wendigkeit mit vorzüglich gewinkelten, stark absorbierenden Gliedmaßen, gutgewölbtem Rücken und gut abfallender langer Kruppe sowie einem tiefen, langen und geräumigen Brustkorb mit viel Raum für Herz und Lunge ausgestattet. Ein langgestreckter schlanker Kopf mit sehr großen kräftigen Zähnen und mit dem Hals durch außergewöhnlich große Atlas- und Axis-Wirbel verbunden zeigt noch deutlich die Fähigkeit des Deerhounds, einen Hirsch im Lauf zu packen, niederzureißen und festzuhalten, bis der Jäger die immerhin ca. 140 kg schwere Beute mit dem Hirschfänger getötet hatte.
So eindrucksvoll der Deerhound in seiner äußeren Gestalt auch sein mag, so bemerkenswert ist jedoch für den Kenner sein Wesen. Dieser, mit mindestens 76 cm (meist 80 - 83 cm) bei Rüden und mindestens 71 cm (meist 76 - 80 cm) bei Hündinnen, sehr große und kraftvolle Hund ist sanft und freundlich zu Mensch und Tier, wenn er richtig aufgezogen (geprägt) und erzogen ist, was leicht fällt, weil ein Deerhound bei ständigem Umgang mit seinen Menschen Intelligenz entwickelt und zu gefallen sucht. Im Hause ruhig und unaufdringlich, verläßlich, gutartig und geduldig auch mit Kindern, zeigt er sein Temperament im Gelände und - da die Windhundjagd hierzulande seit langem verboten ist - bei der Ersatzjagd des Coursings bzw. beim Rundendrehen auf der Rennbahn. Wer sich dem Deerhound widmet, gewinnt mit ihm einen Gefährten für jede Stimmung.....
Die heutige Deerhoundzucht in Deutschland begann nach dem zweiten Weltkrieg, ernsthaft erst in den Siebziger Jahren. Sie ist im Deutschen Windhundzucht- und Rennverband - DWZRV - bis heute beheimatet, hat aber nie einen großen Umfang erreicht. Die Aufzucht dieser schnellwüchsigen Rasse ist nicht ganz einfach. Hat man jedoch durch das richtige Maß an hochwertigem Futter und ausgeglichener Bewegung das erste Lebensjahr gemeistert und damit eine solide Grundlage erhalten, so zeichnet sich der Deerhound durch sehr geringe Krankheitsanfälligkeit aus. Wird ihm ein zuwendungsreiches, bewegungsintensives Leben als Familienmitglied gewährt, stammt er zudem aus einer langlebigen Linie, so kann er ein gutes Alter von 10 - 12 Jahren erreichen.
Von Erbkrankheiten ist die noch relativ urwüchsige Rasse glücklicherweise bisher wenig betroffen. Allerdings gibt es vom Körperbau her (groß, tiefbrüstig) rasseübergreifend die Gefahr von Magendrehungen, auch kommen in einigen Linien neuerdings Herzerkrankungen vor; darüber sprechen Sie mit Ihrem Züchter.
Auskünfte über Deerhounds erhalten Sie:
(DWZRV-Geschäftsstelle / Welpenvermittlung Zuchtbuchamt / Homepage......
 


 

Frau Helma Quaritsch-Fricke
Kennel Quodlibet
D-67346 Speyer